Präsident Detlef Bade und Hauptgeschäftsführer Eckhard Sudmeyer
Schmitz / Handwerkskammer

Das Handwerk zwischen Pandemie und Energiewende

Präsident Detlef Bade und Hauptgeschäftsführer Eckhard Sudmeyer im Interview zu Pandemie und Energiewende.

Wir sind mitten im zweiten Coronawinter. Wie geht es dem Handwerk mit fast zwei Jahren Pandemie?

Detlef Bade: Das Handwerk ist in weiten Teilen vergleichsweise gut durch die Corona-Pandemie gekommen. Viele Handwerksbetriebe konnten weiterarbeiten und waren nicht von Schließungen betroffen. Das zeigt auch unsere aktuelle Konjunkturumfrage: Danach ist der Geschäftsklimaindex so stark gestiegen, dass er sogar über dem Wert vor der Corona-Krise liegt. Trotz Lieferproblemen und steigender Energiepreise erholt sich die Konjunktur also weiter.

Eckhard Sudmeyer: Handwerksleistungen sind gefragt, die Auftragsbücher vieler Betriebe sind voll. Viele Menschen nutzen die Pandemie, um in ihre Immobilien zu investieren, gerade auch mit Blick auf steigende Energiepreise und Klimaschutz. Das führt zu einer hohen Nachfrage nach handwerklichen Leistungen, die für überfüllte Auftragsbücher mit gleichzeitig hohem Fachkräftebedarf sorgt.

Was sind momentan die größten Herausforderungen für die Handwerksbetriebe?

Detlef Bade: Unsere Betriebe müssen neben Corona auch mit Lieferengpässen, Preisexplosionen, steigenden Energiekosten und Fachkräftebedarf zurechtkommen. Es ist also nicht einfach, wirtschaftlich erfolgreich durch diese unruhigen Zeiten zu kommen und Aufträge unter diesen schwierigen Bedingungen abzuarbeiten.

Eckhard Sudmeyer: Angesichts steigender Energiepreise sind natürlich auch im Handwerk der sparsame und schonende Einsatz von Ressourcen und die Mobilitätswende eine große Herausforderung. Fast jeder Hand-werker und jede Handwerkerin kümmert sich verstärkt aktiv um den Umwelt- und Klimaschutz im eigenen Betrieb, egal ob in der Herstellung von Produkten, in den organisatorischen Abläufen oder bei Dienstleistungen für Kundinnen und Kunden.

Welche Rolle spielt die Energiewende überhaupt im Handwerk?

Eckhard Sudmeyer: Das Handwerk ist ein entscheidender und prägender Akteur, wenn es darum geht, Maßnahmen umzusetzen, die notwendig sind, um den Umwelt- und Klimaschutz voranzubringen und die vorgegebenen Klimaziele zu erreichen. Alle Techniken und Innovationen, die für die Energiewende und den Klimaschutz erforderlich sind, wie zum Beispiel Photovoltaik-Anlagen, werden von Handwerkerinnen und Handwerkern eingebaut. Das Handwerk ist der Motor der Energiewende.

Detlef Bade: Ohne das Handwerk gibt es keine Energiewende, keinen Klimaschutz und keine CO2-Reduzierung. Das Umrüsten auf eine nachhaltige, saubere und bezahlbare Energieversorgung ist nur mit dem Handwerk möglich. Auf der anderen Seite dürfen aber auch die Kostenbelastungen durch Klimaschutz und Energie- und Verkehrswende nicht aus dem Ruder laufen. Klimaschutz ist wichtig, ohne Frage. Aber die Bundesregierung muss einen Weg finden, der sowohl Klimaschutz als auch wirtschaftlichen Erfolg ermöglicht. Denn nur mit starken und leistungsfähigen Handwerksbetrieben werden wir in der Lage sein, die notwendigen Maßnahmen für den Klimaschutz auch umzusetzen.

Viele Betriebe suchen Fachkräfte. Kann die Energiewende dazu beitragen, das Handwerk für junge Menschen interessanter zu machen?

Detlef Bade: Grüne Themen stoßen bei vielen jungen Leuten auf Interesse. Das haben zum Beispiel die "Friday-for-future"-Demos gezeigt. Junge Menschen möchten sich beteiligen am Kampf gegen den Klimawandel, wollen nachhaltig leben, etwas bewirken. Diesen Trend wollen wir nutzen, um den Jugendlichen zu zeigen, dass sie im Handwerk konkret an der Rettung unseres Klimas mitarbeiten können, dass es im Handwerk viele klimarelevante Berufe gibt, die ihnen sichere Karrieremöglichkeiten bieten. Im Handwerk können sie aktiv die Energiewende umsetzen.

Eckhard Sudmeyer: Wir wünschen uns beim Thema Fachkräfte aber auch mehr Engagement seitens der Politik für die berufliche Bildung. Denn sie ist der zentrale Baustein, um den dringenden Fachkräftebedarf zu decken. Daher dürfen es die Regierungsparteien nicht bei Ankündigungen belassen, sondern müssen mit mehr Nachdruck als bisher für eine echte Gleichwertigkeit zwischen beruflicher und akademischer Bildung sorgen. Wir brauchen in der Bildung faire und vergleichbare Ausgangsbedingungen - keine Bildung erster und zweiter Klasse. Diese Gleichwertigkeit beruflicher und akademischer Bildung muss aber auch im politischen Alltag gelebt und festgeschrieben werden.

Wie ist denn die Handwerkskammer bisher durch die Corona-Pandemie gekommen?

Eckhard Sudmeyer: Als Handwerkskammer waren und sind wir vor allem in unseren Technologiezentren durch die Corona-Pandemie herausgefordert, also bei den Lehrgängen der überbetrieblichen Lehrlingsunterweisung für unsere Auszubildenden und den Meistervorbereitungskursen sowie im Prüfungswesen. Aufgrund intensiver Gespräche mit dem Kultusministerium ist es uns gelungen, dass unsere Bildungszentren nicht als Schulen angesehen werden, sondern als verlängerter Arm der Betriebe, sodass wir – natürlich mit einem umfangreichen Hygienekonzept – die Lehrgänge weitestgehend durchführen konnten. Einschränkungen gibt es nach wie vor im Bereich der Gästehäuser und bei Veranstaltungen. So mussten wir zu unserem großen Bedauern auch in diesem Jahr auf eine Meisterfeier verzichten.

Ende 2022 sollen laut Onlinezugangsgesetz (OZG) viele Verwaltungsvorgänge digital zur Verfügung stehen. Gilt das auch für die Handwerkskammer?

Detlef Bade: Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie dringlich es ist, Verwaltungsvorgänge noch schneller digital zu gestalten. Das OZG verpflichtet Bund und Länder, Verwaltungsleistungen bis zum 31. Dezember 2022 auch elektronisch über Verwaltungsportale anzubieten und ihre Verwaltungsportale miteinnder zu einem sogenannten Portalverbund zu verknüpfen. Das betrifft auch uns. Für das Handwerk ist dabei wichtig, dass es in den Bereichen Unternehmensgründung und Unternehmensführung absehbar flächendeckend leistungsfähige Onlinedienste geben wird, die praxistauglich und funktional gestaltet sind. 

Eckhard Sudmeyer: Wir arbeiten hier eng mit dem Land zusammen, damit einheitliche Strukturen entstehen. Aber sicherlich werden noch nicht alle Verwaltungsleistungen bis Ende 2022 digitalisiert sein. Auch kammerintern planen wir die Einführung eines Online-Kundenportals für unsere Mitgliedsbetriebe, um ihnen einen komfortableren Zugang zu ihren Daten zu verschaffen.

Und was erwarten Sie für 2022 für das Handwerk?

Detlef Bade: Die Erwartungen unserer Betriebe für das nächste Quartal sind gut. Das hat unsere Konjunkturumfrage gezeigt. Auch die Auftragslage ist gut, sodass das Handwerk Grund hat, optimistisch in das neue Jahr zu schauen. Aber wie uns die Erfahrung der vergangenen Monate zeigt, ist diese Stabilität kein Selbstläufer. Es gibt unverändert Ungewissheiten hinsichtlich Material- oder Lieferengpässen, Energiepreisen und Corona. Das Handwerk braucht daher vor allem verlässliche Rahmenbedingungen, eine politische Flankierung, die rechtzeitig die richtigen Weichen stellt. Das erwarten wir von der neuen Bundesregierung.