Aktuelles Aus- und Weiterbildung Beratung Über uns Service    Kontakt |  Sitemap |  Impressum
home / Bildung / Berufsbildung international / Projektrückschau / Italien: Drei Monate als Steinmetz-Lehrling in Carrara
Drei Monate als Steinmetz-Lehrling in Carrara

Ein Bericht von Maike Perrey




Buon giorno, dormito bene? Der allmorgendliche Gruß unseres italienischen Vermieters schallt über den Hof. "Guten Morgen, gut geschlafen?" "Si, grazie". Wobei der Wahrheitsgehalt dieser Aussage meistens diskussionswürdig war. Jetzt die Fahrgemeinschaft zusammensammeln, was viel Geduld erfordern kann, und gegen neun Uhr geht es los zur Arbeit im italienischen Berufsverkehr, also einem Durcheinander aus PKWs, LKWs, Bussen und jede Menge Motorrollern. Verkehrsregeln? Sind mehr Empfehlungen und erhalten ähnlich viel Aufmerksamkeit wie eine Schneeflocke im Himalaya. Durch den Kreisverkehr, in dessen Mitte eine riesige Skulptur aus Carrara-Marmor thront, die tägliche Erinnerung wo wir eigentlich gerade sind. In Carrara, Norditalien, dem Abbaugebiet des berühmten Carraramarmors, im "Steinmetzmekka". Das klingt bedeutend, aber was hat das mit mir zu tun? Im "Mekka auf der Suche nach Erleuchtung"? Ist wohl ein bisschen übertrieben. Oder doch nicht?

9.30 Uhr, angekommen im Betrieb stellen wir fest: die Chefs haben den Weg dorthin wohl heute noch nicht gefunden oder sie haben wieder bis nachts um zwei Uhr gearbeitet. Dann kann man ja auch morgens später anfangen, eine Einstellung die den durchschnittlichen Deutschen anfänglich doch ein wenig verwirren kann, was wiederum einen leichten Spott seitens der Italiener zur Folge hat, aber Spaß muss auch sein!

Also Werkstatt selber aufschließen und ganz entspannt anfangen zu arbeiten, sonst gibt es wieder die Ermahnung "Tranquillo, tranquillo!"  was soviel heißt wie "keinen Stress, ganz ruhig". Eine uns fremde Einstellung zur Arbeit, aber sie funktioniert und auch damit ist das tägliche Arbeitspensum schaffbar. Nur bleibt die Laune besser und Pizza in der Mittagspause in der Sonne zu genießen trägt ebenfalls dazu bei. Danach gibt es den traditionellen Espresso, auch eine Art Wissenschaft, die sich zu einer bleibenden Leidenschaft entwickeln kann. Und es gibt ja nicht nur Espresso, sondern auch Cappuccino, Latte Macchiato.... ja, ja da gerät man ins Schwärmen.

Von dem wunderschönen Ausblick auf die Berge von Carrara ganz zu schweigen, der jeden Tag anders war und jemanden wie mich immer aufs Neue fasziniert hat. Wobei ich eingestehen muss, dass Berge mich sowieso beeindrucken, weil meine Heimat, die Lüneburger Heide, ungefähr so bergig ist wie die Oberfläche einer polierten Steinplatte. Es kommt darauf an, was man gewöhnt ist. Nicht nur was die heimatliche Landschaft angeht, auch so selbstverständliche Dinge wie ein eigenes Zimmer, Heizung, immer warmes Wasser, teilweise auch Sauberkeit, Fernsehen und Nachrichten, die man versteht, Busse, die regelmäßig nach Plan fahren...

Außerdem ist Leben mit der Familie anders als in einer Wohngemeinschaft mit Leuten, die man noch gar nicht kennt. Dort gibt es keine Mutter, die alles erledigt, was kein anderer machen möchte. Nein, da stehen öfter mal Diskussionen über Abwaschen und Küche/Bad putzen an, denn auch Ansichten über Sauberkeit und Ordnung differieren doch sehr. Kompromissbereitschaft, nicht immer schön, aber für eine Gemeinschaft unabdingbar. Und für ein Leben nach dem Auslandsaufenthalt sollen Sozialkompetenzen / Teamfähigkeit, beruflich wie privat, eine sinnvolle Sache sein, habe ich gehört ; ). Auf der anderen Seite ist mit acht Leuten auf zwei Betten sitzen und zusammen auf einem Laptop Filme schauen oder Karten spielen eine lustige und gemütliche Sache. Oder man kocht den dritten Tag hintereinander gemeinsam Nudeln mit Tomatensoße, weil es am einfachsten ist und stellt fest, dass auch Nudeln anbrennen können. Hierbei ein Tipp: immer mehr Wasser als Nudeln im Topf, aber das nur nebenbei.

Nun zum eigentlichen Grund des Auslandsaufenthaltes, die Arbeit.  Es kann passieren, dass die anfängliche Begeisterung über die neuen Arbeitssituation nach zwei Wochen von Hand schleifen verschwunden ist. Da hilft, wie in Deutschland, nur durchhalten. Es kommen wieder bessere Aufgaben, es kann nicht immer alles toll sein. Vielleicht hat man aber einen netten Chef so wie ich und darf nach Feierabend alle Werkzeuge in der Werkstatt benutzen und was für sich selber machen. Neugierde, eigenes Engagement und Leistungsbereitschaft kommen bei Chefs immer gut an und ermöglichen einem viel. Außerdem kann auch grillen und Wein trinken mit dem/den Chefs einen langen Arbeitsabend ziemlich lustig gestalten... Allgemein gesagt lernt man neue Arbeitsweisen kennen. In meinem Fall Fachwissen über Steinbildhauerarbeiten und das bei den besten/erfolgreichsten Künstlern in Carrara. Eine Möglichkeit, die ich in Deutschland nie bekommen hätte.

Die Fachrichtung meiner Ausbildung ist eigentlich Steinmetzin und so konnte ich in einen anderen Bereich hinein schnuppern und meine kreativen Fähigkeiten schulen. Auch die Unterschiede zwischen den Arbeiten der verschiedenen Künstler zu sehen und die Entwicklung bzw. die Umsetzung einer Skulptur zu verfolgen war faszinierend. Dadurch habe ich den Mut gefunden mich für ein Symposion, einer Art Gestaltungswettbewerb für Bildhauer, zu bewerben und wurde angenommen. Wie das Ergebnis ausfallen wird, werde ich noch sehen... . Und sonst ist der Auslandsaufenthalt in Bewerbungen eine Zusatzqualifikation, die einem bestimmt helfen kann. Außerdem, fürs Leben lernen wir!


Arbeit und Entspannung sowie Gemeinschaft können doch auf eine angenehme Art verbunden sein, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Die Begegnung mit einer oder mehreren anderen Kulturen und der Umgang damit können einen animieren die eigenen Ansichten zu überdenken oder sie aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und Lebensart kennenzulernen. Auf der anderen Seite lernt man zu schätzen, was man hat und merkt, wie wichtig Freunde und Familie im Alltag sind. Denn auch nervige Geschwister können einem fehlen, wo man es nie erwartet hätte.


Zusammenfassend kann ich sagen: Der Auslandsaufenthalt hat mir viel für meine Arbeit und für mich privat gebracht. Ich habe mich weiterentwickelt und die Liebe für ein anderes Land und dessen Kultur entwickelt, eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und jedem empfehlen kann, der offen, tolerant und neugierig ist. In diesem Sinne: Ciao, Italien ich komme bald wieder!

Seite zurück Druckansicht Bookmark and Share nach oben
Navi
    Service im Überblick
    Social Media
Suche
Suche: