Buon giorno,
dormito bene? Der allmorgendliche Gruß unseres italienischen Vermieters
schallt über den Hof. "Guten Morgen, gut geschlafen?" "Si, grazie". Wobei der Wahrheitsgehalt
dieser Aussage meistens diskussionswürdig war. Jetzt die Fahrgemeinschaft
zusammensammeln, was viel Geduld erfordern kann, und gegen neun Uhr geht es los
zur Arbeit im italienischen Berufsverkehr, also einem Durcheinander aus PKWs,
LKWs, Bussen und jede Menge Motorrollern. Verkehrsregeln? Sind mehr
Empfehlungen und erhalten ähnlich viel Aufmerksamkeit wie eine Schneeflocke im
Himalaya. Durch den Kreisverkehr, in dessen Mitte eine riesige Skulptur aus
Carrara-Marmor thront, die tägliche Erinnerung wo wir eigentlich gerade sind.
In Carrara, Norditalien, dem Abbaugebiet des berühmten Carraramarmors, im
"Steinmetzmekka". Das klingt bedeutend, aber was hat das mit mir zu
tun? Im "Mekka auf der Suche nach Erleuchtung"? Ist wohl ein
bisschen übertrieben. Oder doch nicht?
9.30
Uhr, angekommen im Betrieb stellen wir fest: die Chefs haben den Weg dorthin
wohl heute noch nicht gefunden oder sie haben wieder bis nachts um zwei Uhr
gearbeitet. Dann kann man ja auch morgens später anfangen, eine Einstellung die
den durchschnittlichen Deutschen anfänglich doch ein wenig verwirren kann, was
wiederum einen leichten Spott seitens der Italiener zur Folge hat, aber Spaß
muss auch sein!
Also
Werkstatt selber aufschließen und ganz entspannt anfangen zu arbeiten, sonst
gibt es wieder die Ermahnung "Tranquillo, tranquillo!" was soviel heißt wie "keinen Stress,
ganz ruhig". Eine uns fremde Einstellung zur Arbeit, aber sie funktioniert
und auch damit ist das tägliche Arbeitspensum schaffbar. Nur bleibt die Laune besser und Pizza in der
Mittagspause in der Sonne zu genießen trägt ebenfalls dazu bei. Danach gibt es
den traditionellen Espresso, auch eine Art Wissenschaft, die sich zu einer
bleibenden Leidenschaft entwickeln kann. Und es gibt ja nicht nur Espresso,
sondern auch Cappuccino, Latte Macchiato.... ja, ja da gerät man ins
Schwärmen.
Von dem wunderschönen Ausblick auf die Berge von Carrara ganz zu
schweigen, der jeden Tag anders war und jemanden wie mich immer aufs Neue
fasziniert hat. Wobei ich eingestehen muss, dass Berge mich sowieso
beeindrucken, weil meine Heimat, die Lüneburger Heide, ungefähr so bergig ist
wie die Oberfläche einer polierten Steinplatte. Es kommt darauf an, was man
gewöhnt ist. Nicht nur was die heimatliche Landschaft angeht, auch so selbstverständliche
Dinge wie ein eigenes Zimmer, Heizung, immer warmes Wasser, teilweise auch
Sauberkeit, Fernsehen und Nachrichten, die man versteht, Busse, die regelmäßig
nach Plan fahren...
Außerdem ist Leben mit der Familie anders als in einer
Wohngemeinschaft mit Leuten, die man noch gar nicht kennt. Dort gibt es keine
Mutter, die alles erledigt, was kein anderer machen möchte. Nein, da stehen
öfter mal Diskussionen über Abwaschen und Küche/Bad putzen an, denn auch
Ansichten über Sauberkeit und Ordnung differieren doch sehr.
Kompromissbereitschaft, nicht immer schön, aber für eine Gemeinschaft
unabdingbar. Und für ein Leben nach dem Auslandsaufenthalt sollen
Sozialkompetenzen / Teamfähigkeit, beruflich wie privat, eine sinnvolle Sache
sein, habe ich gehört ; ). Auf der anderen Seite ist mit acht Leuten auf zwei Betten
sitzen und zusammen auf einem Laptop Filme schauen oder Karten spielen eine
lustige und gemütliche Sache. Oder man kocht den dritten Tag hintereinander
gemeinsam Nudeln mit Tomatensoße, weil es am einfachsten ist und stellt fest,
dass auch Nudeln anbrennen können. Hierbei ein Tipp: immer mehr Wasser als
Nudeln im Topf, aber das nur nebenbei.
Nun
zum eigentlichen Grund des Auslandsaufenthaltes, die Arbeit. Es kann passieren, dass die anfängliche
Begeisterung über die neuen Arbeitssituation nach zwei Wochen von Hand schleifen
verschwunden ist. Da hilft, wie in Deutschland, nur durchhalten. Es kommen
wieder bessere Aufgaben, es kann nicht immer alles toll sein. Vielleicht hat
man aber einen netten Chef so wie ich und darf nach Feierabend alle Werkzeuge
in der Werkstatt benutzen und was für sich selber machen. Neugierde, eigenes
Engagement und Leistungsbereitschaft kommen bei Chefs immer gut an und
ermöglichen einem viel. Außerdem kann auch grillen und Wein trinken mit dem/den
Chefs einen langen Arbeitsabend ziemlich lustig gestalten... Allgemein gesagt
lernt man neue Arbeitsweisen kennen. In meinem Fall Fachwissen über
Steinbildhauerarbeiten und das bei den besten/erfolgreichsten Künstlern in
Carrara. Eine Möglichkeit, die ich in Deutschland nie bekommen hätte.
Die
Fachrichtung meiner Ausbildung ist eigentlich Steinmetzin und so konnte ich in
einen anderen Bereich hinein schnuppern und meine kreativen Fähigkeiten
schulen. Auch die Unterschiede zwischen den Arbeiten der verschiedenen Künstler
zu sehen und die Entwicklung bzw. die Umsetzung einer Skulptur zu verfolgen war
faszinierend. Dadurch habe ich den Mut gefunden mich für ein Symposion, einer
Art Gestaltungswettbewerb für Bildhauer, zu bewerben und wurde angenommen. Wie
das Ergebnis ausfallen wird, werde ich noch sehen... . Und sonst ist der
Auslandsaufenthalt in Bewerbungen eine Zusatzqualifikation, die einem bestimmt
helfen kann. Außerdem, fürs Leben lernen wir!
Arbeit
und Entspannung sowie Gemeinschaft können doch auf eine angenehme Art verbunden
sein, die ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Die Begegnung mit einer
oder mehreren anderen Kulturen und der Umgang damit können einen animieren
die eigenen Ansichten zu überdenken oder sie aus anderen Blickwinkeln zu betrachten
und Lebensart kennenzulernen. Auf der anderen Seite lernt man zu schätzen, was
man hat und merkt, wie wichtig Freunde und Familie im Alltag sind. Denn auch
nervige Geschwister können einem fehlen, wo man es nie erwartet hätte.
Zusammenfassend kann ich sagen: Der Auslandsaufenthalt hat mir viel für
meine Arbeit und für mich privat gebracht. Ich habe mich weiterentwickelt und
die Liebe für ein anderes Land und dessen Kultur entwickelt, eine Erfahrung,
die ich nicht missen möchte und jedem empfehlen kann, der offen, tolerant und
neugierig ist. In diesem Sinne: Ciao, Italien ich komme bald wieder!